Argentinien

Als zuletzt ein deutscher Nationalspieler die Weltmeistertrophäe in den Nachthimmel recken durfte, gewann die Mannschaft zuvor gegen Argentinien. Das Finale von 1990 erlebt 24 Jahre später ein Revival unter Wettbewerbsbedingungen. Mit allen beteiligten Protagonisten: Lionel Messi macht den Maradona, Thomas Müller lässt sich den Rudi-Völler-Gedächtnis-Schnauzer wachsen, Höwedes imitiert Buchwald und aus Rom wird Rio.

Das Halbfinale gegen Gastgeber Brasilien ist vier Tage her. Vier Tage, in denen die Gewissheit reifte, dass man offensichtlich wirklich Zeuge eines kleinen Fußballwunders wurde und dass nicht alles bloß ein schöner Traum war. 7 (in Worten: Sieben!!!) Hütten schenkte das Team von Jogi Löw dem Gastgeber ein und sorgte damit für einen kollektiven Schock bei den Südamerikanern. Aus deutscher Sicht ist die Ungläubigkeit über das, was da in Belo Horizonte passiert ist, inzwischen einer unbändigen Zuversicht gewichen. Was soll gegen Argentinien schon schief gehen? Doch genau das ist das Trügerische im Moment. Gegen den zweimaligen Weltmeister wird es ein völlig anderes Spiel. Lionel Messi und seine Kollegen möchten ebenso gern Weltmeister werden und haben mit diesem einen Spiel die gleichen Chancen, wie die Nationalelf.

Brasilianische Fehler und deutsche Zielstrebigkeit

So schön dieser historische Kantersieg aus deutscher Sicht gewesen sein mag, die brasilianischen Spieler haben gehörig dabei mitgeholfen. Fehler im Aufbau, erzwungen durch das Pressing der Offensivkräfte Müller, Klose, Kroos und Özil, führten zu schnellen Ballverlusten oder ließen einen Aufbau gar nicht erst zustande kommen. Wie schon gegen Portugal und Frankreich verstand es das deutsche Team sehr gut zu verschieben und die entsprechenden Räume eng zu halten. Marcelo, sonst Ankurbler über die linke Abwehrseite Brasiliens, wurde von Müller konsequent zugestellt und konnte sich nicht so in den Aufbau mit einbringen, wie die Partien zuvor. Miro Klose orientierte sich zunehmend an David Luiz und so entstand ein großer Raum, den Toni Kroos und Sami Khedira vortrefflich zu nutzen wussten.

In der Abwehrarbeit stürzte die Seleção somit von einer Verlegenheit in die Nächste, die ordnende Hand namens Thiago Silva fehlte an allen Ecken und Enden. Die brasilianische Verteidigung offenbarte große Lücken, die sie nicht zu schließen vermochten, das deutsche Mittelfeld aber brutal auszunutzen wusste. So herrschte mehrmals große Konfusion auf Seiten Brasiliens, was sich vor allem beim Treffer zum 2:0 zeigte, als David Luiz und Dante, nachdem sie überspielt wurden, einfach an der Strafraumgrenze stehen blieben und sich nicht weiter an ihren Gegenspielern orientierten.

Taktisch variabel, vielfältig und ideenreich

Diesen Gefallen, taktisch derart naiv zu agieren, wird das argentinische Team der Nationalelf kaum gestatten. Im ersten Gruppenspiel gegen Bosnien verordnete Trainer Alejandro Sabella seinem Team viele taktische Umstellungen während der Partie, welche schlussendlich alle griffen. Allein in diesem einen Spiel zu Beginn der Weltmeisterschaft stellte sich die argentinische Mannschaft innerhalb der Partie zweimal anders auf den Gegner ein. Erst durchbrach man das mannorientierte System von Džeko und Co. mit einer simplen Umstellung in Halbzeit eins, nach der Pause kam dann die offensive Durchschlagskraft zurück, indem erneut am System geschraubt wurde.

Im zweiten Gruppenspiel gegen den Iran war es ein typisches Spiel „David gegen Goliath“. Iran zog sich tief zurück und setzte auf Konter, während Argentinien größtenteils an der eigenen Abschlussschwäche scheiterte. So wurde es, je länger es Unentschieden stand, ein Spiel auf Messers Schneide, weil auch die Iraner mit zunehmender Spieldauer ihre Konterchancen bekamen. Am Ende war es schließlich Lionel Messi, der erneut den Unterschied machte und kurz vor dem Schlusspfiff noch den Siegtreffer markierte. Auch gegen Nigeria, dem abschließenden Spiel der Gruppe F, war es der argentinische Spielmacher, der mit seinen Toren den Sieg gegen die Super Eagles herausschoss.

Immer wieder Messi und erste Schwächen

Überhaupt macht Alejandro Sabella keine Anstalten, dem Überspieler aus Argentinien irgendwie die Last von den Schultern zu nehmen. Zwar sind mit Ángel Di María und Ezequiel Lavezzi zwei weitere begnadete Offensivakteure im Kader der Albiceleste, jedoch spielen diese beiden nicht mehr als die Wasserträger für Messi, während Sergio Agüero noch so gar keine Bindung zum Spiel gefunden hat. So war es schließlich, trotz des Treffers von Di María, vor allem erneut Messi und seiner taktischen Anpassung an das Schweizer Spiel zu verdanken, dass die Eidgenossen mit 1:0 nach Verlängerung besiegt wurden und Argentinien ins Viertelfinale einzog.

Das Viertelfinale gegen Belgien zeigte dann aber auch die komplette Abhängigkeit vom argentinischen Messi(as). Das Spiel war, bei aller Qualität, die beide Mannschaften auf dem Feld hatten, sehr dürftig und lieferte Anschauungsunterricht, wie man das Spiel der Südamerikaner knacken kann. Dabei geht es nicht nur darum, Messi aus dem Spiel zu nehmen, was sicherlich den Bayernspielern im Kader von Jogi Löw mittlerweile recht geläufig sein dürfte, bei all den Begegnungen mit dem FC Barcelona in den letzten Jahren. Es zeigte auch, wie anfällig die Raumaufteilung der Albiceleste sein kann. Auffällig ist auch, dass einstudierte Spielzüge im argentinischen Spiel Mangelware sind und dies bereits zu Problemen im Achtelfinale gegen die Schweiz führte.

Die Defensive steht sicher

Gegen die Niederlande tat sich dann auch (endlich) ein anderer wichtiger Faktor im argentinischen Spiel hervor. Nigel de Jong wäre Messi noch bis auf die Toilette gefolgt, so sehr klebte der niederländische Sechser an den Hacken des Ausnahmespielers. Es war Javier Mascherano, die andere bedeutende Konstante im argentinischen Spiel, welcher den Aufbau von hinten heraus geordnet vorantrieb und nicht zuletzt einen großen Anteil daran hatte, dass das Team von Sabella ohne Gegentor bisher durch die K.O.-Spiele bis ins Finale vorstieß. So ist der defensive Mittelfeldmotor aus Sicht der Südamerikaner rechtzeitig zum Finale in Top-Form.

Es sind zwar vor allem die bekannten Einzelakteure in Person von Messi und Mascherano, dazu noch mit einigen Abstrichen Ángel Di María und Gonzalo Higuaín, auf die die deutsche Mannschaft ein besonderes Auge haben sollte. Aber es sind auch die taktische Reife und defensive Konstanz bzw. Leistung, die Argentinien zurecht ins Finale spülten und dort zu einem unangenehmen Gegner für das Team von Jogi Löw werden lässt. Wirkliche Angriffsflächen wie gegen Frankreich oder Brasilien gibt es im Finale kaum.

Waren es gegen Frankreich die Fixpunkte Valbuena (offensiv), Cabaye und Pogba (defensiv), die es zu unterbinden galt, waren es gegen Brasilien die Räume hinter den Außenverteidigern sowie die Anfälligkeit beim Pressing, weist die Albiceleste insgesamt weniger Schwachstellen auf. Zu den herausragenden Einzelleistungen von Messi oder Di María ist vor allem die Defensive das Prunkstück Argentiniens und so kommt es vor allem wieder auf eine Teamleistung an, in die sich die gesamte deutsche Mannschaft konsequent einfügen muss. Argentinien wird der Mannschaft von Joachim Löw kaum den Gefallen tun und ins offene Messer rennen. Dafür hat sich die deutsche Mannschaft beim 7:1 zuviel Respekt erarbeitet.

Die negative Bilanz und die positive Bilanz

Insgesamt ist die Statistik gegen das südamerikanische Team recht ausgeglichen, jedoch mit Vorteilen auf Seiten Argentiniens. 20 Spiele fochten beide Teams bisher aus, neun Siege gingen an Argentinien, sechs erarbeitete sich die deutsche Elf. Die übrigen fünf Begegnungen endeten Unentschieden. Allerdings spricht die WM-Bilanz klar für das deutsche Team. Bei insgesamt sechs Weltmeisterschaften stand man sich bereits gegenüber. Erstmals traf man beim Turnier in Schweden 1958 in der Finalrunde der Gruppe 1 in Malmö aufeinander, wo ’54-Held Helmut Rahn mit einem Doppelpack und Uwe Seeler die Treffer zum 3:1-Sieg erzielten. Es folgte noch ein torloses Unentschieden in England ’66 und eine Reihe von Freundschaftsspielen, ehe man sich im WM-Finale von 1986 im Aztekenstadion erneut begegnete. Damals wurde Argentinien nach einem 3:2 vor mehr als 100.000 Zuschauern Fußballweltmeister. Es ist die einzige Niederlage, die Deutschland gegen Argentinien bei einer Weltmeisterschaft jemals zu beklagen hatte.

Schließlich gab es vier Jahre später die Revanche. Als Kind der frühen Achtziger gibt es kaum eine Erinnerung, die so sehr mit Fußball verbunden ist, wie der Elfmeter von Andreas Brehme. Die Anspannung vor dem Schuss, die Erlösung in dem Moment, als der Ball das Netz auf der linken Seite ausbeult, die pure Freude, als Brehme jubelnd abdreht. So wie wir auf der Couch. Damals in der 85. Minute.

Rückenwind durch jüngste Begegnungen

Und dann gab es da ja noch die beiden Viertelfinalpaarungen der letzten beiden Turniere. Das Elfmeterschießen von 2006 ist inzwischen legendär, die Packung in Kapstadt, als das Team von Löw die Albiceleste förmlich sezierte, ebenfalls. Somit stehen in der WM-Bilanz vier Siege für das deutsche Team einer Niederlage gegenüber bei einem torlosen Remis. Vor zwei Jahren gab es dann noch ein Freundschaftsspiel, die letzte Begegnung beider Mannschaften, als erneut Argentinien in Frankfurt gewann.

Bei allen statistischen Möglichkeiten, bei allen mathematischen Berechnungen die man anstellen kann, in 28 Jahren dreimal ein WM-Finale gegen Argentinien austragen zu müssen, ist doch sehr gering. Ein Finale ist dabei auch immer eine besondere Ausgangssituation, so dass für dieses Spiel leider auch die Phrase herhalten muss, dass in den 90, respektive 120 Minuten, alles passieren kann. Allerdings hat die deutsche Nationalmannschaft durch das 7:1 gegen Brasilien noch klaren Rückenwind, die Albiceleste hingegen musste 120 Minuten gegen die Niederlande gehen und hat zudem noch einen Tag weniger Pause, was am Ende eine Rolle spielen kann. Das Team von Jogi Löw geht also mit einigen Vorteilen in das Finale von Rio de Janeiro.