Gedächtnislücke

Jermaine Jones twitterte sich den Frust von der Seele, während sein ehemaliger Arbeitgeber daheim mit 0:5 unterging. Für Olaf Thon Grund genug, eine Sperre für den amerikanischen Mittelfeldspieler zu fordern. Warum eigentlich?

Letzte Woche forderte Olaf Thon eine Sperre für den ehemaligen Schalker Spieler Jermaine Jones. Dieser hatte seinen ehemaligen Sportdirektor Horst Heldt via Twitter nach dem peinlichen 0:5-Heimdebakel gegen den FC Chelsea hart kritisiert. „I just say ‚Horst Heldt’…who are you blaming now? It’s bad that someone can ruin a club like this“, waren die Worte des US-Amerikaners, der mittlerweile in Foxborough, nahe Boston, für den MLS-Club New England Revolution spielt.

Zwischen Jones und Heldt bestand bereits seit dem Sommer 2013 eine etwas andere Liebesbeziehung, die darin mündete, dass Jones den Verein nach sieben Jahren und einigen Spitzen seines ehemaligen Sportdirektors im Winter 2014 schließlich entnervt verließ. Innerhalb dieser sieben Jahre hielt Jones unter den Übungsleitern Fred Rutten, Felix Magath, Ralf Rangnick, Huub Stevens und Jens Keller stets mit absoluter Loyalität dem Verein gegenüber die Knochen hin.

Eine Kritik – zwei Auslegungsmöglichkeiten

Für den temperamentvollen Ausbruch von Jones drängte das ehemalige Schalker Urgestein Olaf Thon nun auf eine Sperre für den Spieler. Thon forderte gar Konsequenzen vom Nationalcoach der USA, von Jürgen Klinsmann. Zudem empfand er die Äußerung von Jones als stillos. Auch wenn Jones in der Bundesliga und auf Schalke ein polarisierender Spieler war, so ist es emotional durchaus verständlich, wenn der 33-jährige Nationalspieler impulsiv seine Gefühle zum FC Schalke in diesem Augenblick twitterte. Zudem waren die Äußerungen weder beleidigend noch ausfallend, auch wenn sie doch drastisch erscheinen. Letztlich legte er nur den Finger in die Wunde, da auch Jones damals für Niederlagen und mangelnden Teamgeist verantwortlich gemacht wurde.

Inwiefern sich ein Olaf Thon bemüßigt fühlt, von einem ihm völlig fremden Verband gegen einen Spieler eines völlig fremden Vereins Sanktionen zu fordern, wird wohl der Weltmeister von 1990 nur selbst wissen. Ebenso die Tatsache, wieso sich der Kern der Kritik von der eines Partei-Mitglieds der CDU – auch das ist Olaf Thon – unterscheidet. Denn auch Olaf Thon kritisierte die Königsblauen nach der 0:5 Pleite gegen Chelsea. Zwar mag seine Äußerung mit den Worten „Das war heute eine geschlossen schlechte Mannschaftsleistung“ sachlicher gewesen sein, als Jones es ausdrückte. Der Grundgedanke bleibt jedoch der Selbe, denn auch Thon wünschte den Verantwortlichen, allen voran Trainer Di Matteo und Horst Heldt, „schnell den Turnaround“ zu schaffen.

“journalistische“ Kolumnen und „Tapetenwechsel“

Überhaupt hielt sich Thon in der Vergangenheit mit Kritik an Spielern und Mannschaften, die ihn überhaupt nichts angingen, selten zurück. Unter anderem arbeitete er sich schon an Joachim Löw und Bastian Schweinsteiger ab. So bescheinigte er bereits Anfang 2013 dem Münchner Spielgestalter ein baldiges Karriere-Ende in der Nationalmannschaft, weil dieser einfach nicht gut genug sei, zu alt wäre und verglich ihn mit Michael Ballack in dessen Endphase. Im September 2013 sprang er Matthias Sammer bei, als dieser beim FC Bayern mal auf den Tisch haute und damit den Unmut von Präsident Uli Hoeneß und dem Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge auf sich gezogen hatte. Anfang Juni vor Beginn der Weltmeisterschaft in Brasilien fabulierte Thon sogar davon, dass Löw nicht der Richtige für die Nationalmannschaft und ein „Tapetenwechsel“ nötig sei.

Eventuell glaubt Olaf Thon, dass er als Weltmeister von 1990 mehr zu sagen hätte, als es ein Jermaine Jones hat, und er aufgrund einiger „journalistischer“ Tätigkeiten das Recht hat, Kritik an anderen Clubs zu äußern. Vielleicht hat er es aber auch nur vergessen, dass auch er schon völlig nutzlos getadelt und genörgelt hat. Mit 129 Spielen für Königsblau hat Jones zumindest nicht weniger das Recht, seinen alten Arbeitgeber zu kritisieren, als Thon es hat.