Jugendstil

Roman Weidenfeller macht wahrscheinlich sein erstes Spiel als Nationalkeeper. Den Adler durfte er bisher nur bei der U-17, U-21 und dem „TEAM 2006“ tragen. Doch gegen Italien oder England könnte es für den Torhüter von Borussia Dortmund soweit sein.

Im Alter von 33 Jahren noch mal die Aussicht auf eine Premiere in der Nationalmannschaft zu bekommen, dürfte wahrlich nur wenigen Spielern zukommen. 2004 verzichtete Martin Max auf die Nominierung zur EM in Portugal seinerzeit mit den Worten: „Hat Skibbe noch alle Tassen im Schrank?“ Damals gingen diverse Überlegungen von Nationalmannschaftscoach Rudi Völler dahin, den zu dieser Zeit bereits 35-jährigen Martin Max zum Nationalteam einzuladen. Allerdings wollte Völlers damaliger Assistent Michael Skibbe erst noch mal den Spieler studieren und sich von dessen Laufwegen überzeugen.

Europameisterschaft 2004, das klingt nicht nur wahnsinnig weit weg. Das ist es auch! Liest man sich die Mannschaftsaufstellung von damals durch, bekommt man das Gefühl, im Mittelalter des deutschen Fußballs zu wühlen. Namen und Größen aus einer längst vergangenen Zeit tauchen dort wieder auf. Spieler wie Christian Wörns, Jens Jeremies, Didi Hamann und der heutige Trainer der TSG Neustrelitz Thomas Brdaric.

Seither hat in der deutschen Nationalmannschaft nicht nur ein Umbruch stattgefunden, sondern gleich mehrere Revolutionen. Angefangen mit der Neuausrichtung unter Jürgen Klinsmann, welche im Sommermärchen 2006 gipfelte, hat wenig später Joachim Löw dessen forschen Jugendstil weiter und weiter vorangetrieben und forciert. Zum Klassiker gegen Italien am Freitag sind die dienstältesten Spieler im Aufgebot, die mittlerweile 30 Jahre alten Heiko Westermann und Philipp Lahm.

Zuwenig Testspiele für Experimente

Und Roman Weidenfeller. Mit mittlerweile 33 Jahren hat der Torhüter der Borussia aus Dortmund wohl endlich den verdienten Lohn für all die Jahre beständigen Niveaus in der Bundesliga in Aussicht. Was aber soll diese Nominierung ausgerechnet jetzt? In der letzten Saison bestach der Keeper mit tollen Paraden und ruhiger Ausstrahlung, welche vor allem in der Hinrunde zu starken Leistungen führte. Mit spektakulären Rettungsaktionen führte er unter anderem bei Real Madrid seinen BVB ins Champions League Finale. Zu diesem Zeitpunkt hätte eine Nominierung auch weitaus mehr Sinn gehabt, da dort noch genug Zeit gewesen wäre, Roman Weidenfeller auch wirklich zu testen.

Nun aber, 8 Monate und nur noch wenige Spiele vor dem Start der Weltmeisterschaft in Brasilien, fängt Nationalcoach Löw an zu experimentieren. Zusätzlich zu einer Zeit, in der Roman Weidenfeller zudem seiner Topform der vorigen Saison hinterher hinkt. Die Unhaltbaren, die letzte Saison noch weggefischt wurden, blieben für ihn bisher unhaltbar. Als Beleg dafür mögen die Kickernoten der CL-Spiele herhalten: In der Saison 2012/13 betrug der Schnitt nach allen Spielen 2,04. Absolut eindrucksvoll! In den bisherigen vier Spielen ist sein Schnitt 3,67.

Löw weicht damit nicht nur von seinem bisherigen Jugendstil ab, er gibt damit auch dem Drängen und der Kritik der BVB-Verantwortlichen nach. Seit Monaten bearbeiten Watzke, Klopp und Co. Den Bundestrainer medial in einer Art und Weise, wie man es sonst nur vom FC Bayern und seinen Granden kennt. Auch in dieser Hinsicht hat der BVB zum großen Rivalen inzwischen aufgeschlossen. Wie schwer diese Personalie tatsächlich wiegt, sieht man zusätzlich noch am Beispiel von Stefan Kießling.

Weidenfeller will man beobachten, bei Kießling weiß man, was man hat

„Wir wollen ihn im Training sehen“, waren die Worte von Torwarttrainer Andreas Köpke vor wenigen Tagen. Dabei ist Weidenfeller schon seit 1999 in der Bundesliga aktiv. Er machte seine ersten Schritte beim 1.FC Kaiserslautern und spielt seit der Saison 2002 in der Bundesliga bei Borussia Dortmund. Kießling ist vier Jahre jünger und ebenfalls seit 2002 in der Bundesliga aktiv. Bei Kießling hieß es stets, man wüsste, was man an ihm hat und muss ihn nicht mehr beobachten. Warum also muss man einen Keeper, der 4 Jahre älter ist und genau so lange in der höchsten deutschen Spielklasse vertreten ist, zwingend im Training sehen, während Stefan Kießling mehr und mehr das Schicksal eines Martin Max teilt? Als Torschützenkönig nicht in der Nationalelf zu spielen…

Zusätzlich abgefahren sein dürfte der Zug auch damit für Bernd Leno, Ron-Robert Zieler und  Marc-André ter Stegen, die nicht nur wesentlich jünger sind und damit auch weit mehr Perspektive hätten. Auch die Möglichkeiten, sich im Kreis der Nationalmannschaft weiterzuentwickeln und dazuzulernen, dürfte diesen Dreien weit mehr bringen, als einem Torhüter, der spätestens nach der Weltmeisterschaft mit bald 34 Jahren und einem Manuel Neuer vor der Nase eh schon zum alten Eisen gehört.