Krawalle

Die Empörung war und ist berechtigterweise groß. Kommentare wie „Dies ist eine neue Dimension“ oder „Das hat es noch nicht gegeben“ war an vielen Stellen zu lesen und zu hören. Die Geschehnisse sollen hier keinesfalls relativiert werden. Allerdings muss man sagen, dass es sehr wohl schon vorgekommen ist. Im November 2011. Damals war  der FC St. Pauli zu Gast bei Hansa Rostock. Auch dort wurden Zuschauer mit Raketen und Böllern von „Fans“ beschossen.

Die Krawalle vom Wochenende waren aber Teil eines Bundesligaspiels, und haben damit auch eine weitaus höhere Reichweite. Zumal das Derby zwischen dem FC Schalke 04 und der Borussia aus Dortmund, sicherlich auch im Gegensatz zu der Partie von 2011, mehrere Millionen Zuschauer vor die TV-Geräte lockte. Was sich dem gemeinen Zuschauer dort um kurz vor halb Vier offenbarte, wirft in der Nachbetrachtung eine Menge Ungereimtheiten auf.

Appelle der Polizei wurden am Stadion überhört

Bereits am Samstagabend konnte man auf Spiegel Online eine kleine Chronologie der Ereignisse lesen. Dort war die Rede von einem Trupp Dortmunder Fans, welche schon zur Mittagszeit am Bahnhof in Essen bei der Anreise nach Gelsenkirchen überaus auffällig wurden, bei dem Versuch, ohne die angebotenen Sonderzüge zur Veltins-Arena zu gelangen. Wohl auch, um Kontrollen und der Überwachung zu entgehen und somit relativ Inkognito anreisen zu können.

In Essen waren Personen über die Gleise gerannt, hatten einen Zug ohne ersichtlichen Grund zu einem Nothalt gezwungen, wurden von der Polizei kontrolliert und letztlich doch mit Sonderbussen nach Gelsenkirchen gefahren. Auch wies die Polizei laut Artikel die Ordnungskräfte am Stadion darauf hin, dass besagte Gruppe, welche eigens von der Polizei bis vor die Stadiontore kutschiert wurde, womöglich (!) Pyrotechnik bei sich führen könne.

Chauffiert bis vor die Eingangstüre

Im weiteren Verlauf widersprechen sich dann auch einige Aussagen von Funktionären und Fans, die ernsthafte Fragen aufwerfen. Mitglieder der Dortmunder Ultras gaben an, die Krawallmacher teils noch nie gesehen zu haben, BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke hingegen spricht von einschlägig bekannten Personen.

Eine Tatsache macht besonders stutzig. Wie ist es möglich, dass sich eine Gruppe „Fans“, die einerseits bei Dortmunder Ultras völlig unbekannt ist, laut Hans-Joachim Watzke jedoch bekannte Krawallmacher sind, trotz Polizei auf so langem Wege (von Essen aus inkl. Zwang zum Notstopp einer Bahn) schalten und walten kann und quasi per Chauffeurdienst von den Gesetzeshütern noch vor die Türe gebracht wird? Zusätzlich mit dem Hinweis, dass die Jungs verbotene Pyrotechnik bei sich tragen könnten?

Sonst schafft es die Polizei bei jedem Furz, berüchtigte Krawallmacher vor brisanten Duellen direkt aus den Städten zu verbannen, ist aber bei einem so genannten Hochsicherheitsspiel offensichtlich nicht in der Lage, einschlägig bekannte (Watzke), vermummte mit Böllern und Pyro nur so zugepackte „Fans“, die durch halb NRW marodieren, dingfest zu machen. Stattdessen die sogar mit kleinen Hämmern bewaffneten Chaoten bis in den Block zu fahren und dort einfach weiterziehen zu lassen.

Wie kann so viel Pyrotechnik beim Derby an den Ordnern vorbeigeschleust werden?

Meistens sehen solche „Fans“ ja sicherlich nicht von vornherein auch so friedfertig und nach harmlosen BWL-Studenten aus, dass die örtliche Security die Leute dort lächelnd durchwinkt. Selbst der Autor wurde schon bei völlig ungefährlichen Spielen in der Niedersächsischen Provinz  auf Herz und Nieren kontrolliert, ob da nicht doch irgendwo etwas Pyrotechnik versteckt sein könnte.

Die gerade erst abgeklungene Diskussion um Sicherheit wird damit neu entfacht und spielt unzähligen Leuten und Funktionären so dermaßen in die Karten, dass man sich bei all den Aussagen ernsthaft fragen muss, ob dort nicht ein gewisses Kalkül dahinter steckt. Dass selbst den BVB-Ultras die Gruppe angeblich unbekannt ist, könnte zudem den Schluss zulassen, dass sich dort einfach Fans anderer Vereine „eingeschlichen“ haben, mit dem Ziel, die Dortmunder Fans in Misskredit zu bringen.

Was letztlich auch zur Hauptfrage führt: Wie kann eine so große Menge an Pyrotechnik bei den derzeitigen Sicherheitsstandards in deutschen Stadien an so vielen Ordnern bei einem solch brisanten Spiel vorbeigeschleust werden? Es kommt einem sogar der Gedanke, dass es die Schalker selbst hätten sein können, um dem verhassten Verein aus Lüdenscheidt-Nord eins auszuwischen. Sollte es tatsächlich ein Dortmunder Problem von innen heraus sein, sollten sich manche Fans langsam aber sicher mal fragen, ob es noch so viel Sinn macht, betreffende Personen zu schützen, oder ob man gegen derart desintegrierende „Fans“ nicht langsam auch mal die Stimme erheben sollte.