Schlagwörter: WM 2014 Kommentarverlauf ein-/ausschalten | Tastaturkürzel

  • Marc Fischer

    Marc Fischer 5:13 pm am July 12, 2014 Permalink | Antwort
    Tags: Argentinien, Finale, Messi, , WM 2014   

    Argentinien 

    Als zuletzt ein deutscher Nationalspieler die Weltmeistertrophäe in den Nachthimmel recken durfte, gewann die Mannschaft zuvor gegen Argentinien. Das Finale von 1990 erlebt 24 Jahre später ein Revival unter Wettbewerbsbedingungen. Mit allen beteiligten Protagonisten: Lionel Messi macht den Maradona, Thomas Müller lässt sich den Rudi-Völler-Gedächtnis-Schnauzer wachsen, Höwedes imitiert Buchwald und aus Rom wird Rio.

    Das Halbfinale gegen Gastgeber Brasilien ist vier Tage her. Vier Tage, in denen die Gewissheit reifte, dass man offensichtlich wirklich Zeuge eines kleinen Fußballwunders wurde und dass nicht alles bloß ein schöner Traum war. 7 (in Worten: Sieben!!!) Hütten schenkte das Team von Jogi Löw dem Gastgeber ein und sorgte damit für einen kollektiven Schock bei den Südamerikanern. Aus deutscher Sicht ist die Ungläubigkeit über das, was da in Belo Horizonte passiert ist, inzwischen einer unbändigen Zuversicht gewichen. Was soll gegen Argentinien schon schief gehen? Doch genau das ist das Trügerische im Moment. Gegen den zweimaligen Weltmeister wird es ein völlig anderes Spiel. Lionel Messi und seine Kollegen möchten ebenso gern Weltmeister werden und haben mit diesem einen Spiel die gleichen Chancen, wie die Nationalelf.

    Brasilianische Fehler und deutsche Zielstrebigkeit

    So schön dieser historische Kantersieg aus deutscher Sicht gewesen sein mag, die brasilianischen Spieler haben gehörig dabei mitgeholfen. Fehler im Aufbau, erzwungen durch das Pressing der Offensivkräfte Müller, Klose, Kroos und Özil, führten zu schnellen Ballverlusten oder ließen einen Aufbau gar nicht erst zustande kommen. Wie schon gegen Portugal und Frankreich verstand es das deutsche Team sehr gut zu verschieben und die entsprechenden Räume eng zu halten. Marcelo, sonst Ankurbler über die linke Abwehrseite Brasiliens, wurde von Müller konsequent zugestellt und konnte sich nicht so in den Aufbau mit einbringen, wie die Partien zuvor. Miro Klose orientierte sich zunehmend an David Luiz und so entstand ein großer Raum, den Toni Kroos und Sami Khedira vortrefflich zu nutzen wussten.

    In der Abwehrarbeit stürzte die Seleção somit von einer Verlegenheit in die Nächste, die ordnende Hand namens Thiago Silva fehlte an allen Ecken und Enden. Die brasilianische Verteidigung offenbarte große Lücken, die sie nicht zu schließen vermochten, das deutsche Mittelfeld aber brutal auszunutzen wusste. So herrschte mehrmals große Konfusion auf Seiten Brasiliens, was sich vor allem beim Treffer zum 2:0 zeigte, als David Luiz und Dante, nachdem sie überspielt wurden, einfach an der Strafraumgrenze stehen blieben und sich nicht weiter an ihren Gegenspielern orientierten.

    Taktisch variabel, vielfältig und ideenreich

    Diesen Gefallen, taktisch derart naiv zu agieren, wird das argentinische Team der Nationalelf kaum gestatten. Im ersten Gruppenspiel gegen Bosnien verordnete Trainer Alejandro Sabella seinem Team viele taktische Umstellungen während der Partie, welche schlussendlich alle griffen. Allein in diesem einen Spiel zu Beginn der Weltmeisterschaft stellte sich die argentinische Mannschaft innerhalb der Partie zweimal anders auf den Gegner ein. Erst durchbrach man das mannorientierte System von Džeko und Co. mit einer simplen Umstellung in Halbzeit eins, nach der Pause kam dann die offensive Durchschlagskraft zurück, indem erneut am System geschraubt wurde.

    Im zweiten Gruppenspiel gegen den Iran war es ein typisches Spiel „David gegen Goliath“. Iran zog sich tief zurück und setzte auf Konter, während Argentinien größtenteils an der eigenen Abschlussschwäche scheiterte. So wurde es, je länger es Unentschieden stand, ein Spiel auf Messers Schneide, weil auch die Iraner mit zunehmender Spieldauer ihre Konterchancen bekamen. Am Ende war es schließlich Lionel Messi, der erneut den Unterschied machte und kurz vor dem Schlusspfiff noch den Siegtreffer markierte. Auch gegen Nigeria, dem abschließenden Spiel der Gruppe F, war es der argentinische Spielmacher, der mit seinen Toren den Sieg gegen die Super Eagles herausschoss.

    Immer wieder Messi und erste Schwächen

    Überhaupt macht Alejandro Sabella keine Anstalten, dem Überspieler aus Argentinien irgendwie die Last von den Schultern zu nehmen. Zwar sind mit Ángel Di María und Ezequiel Lavezzi zwei weitere begnadete Offensivakteure im Kader der Albiceleste, jedoch spielen diese beiden nicht mehr als die Wasserträger für Messi, während Sergio Agüero noch so gar keine Bindung zum Spiel gefunden hat. So war es schließlich, trotz des Treffers von Di María, vor allem erneut Messi und seiner taktischen Anpassung an das Schweizer Spiel zu verdanken, dass die Eidgenossen mit 1:0 nach Verlängerung besiegt wurden und Argentinien ins Viertelfinale einzog.

    Das Viertelfinale gegen Belgien zeigte dann aber auch die komplette Abhängigkeit vom argentinischen Messi(as). Das Spiel war, bei aller Qualität, die beide Mannschaften auf dem Feld hatten, sehr dürftig und lieferte Anschauungsunterricht, wie man das Spiel der Südamerikaner knacken kann. Dabei geht es nicht nur darum, Messi aus dem Spiel zu nehmen, was sicherlich den Bayernspielern im Kader von Jogi Löw mittlerweile recht geläufig sein dürfte, bei all den Begegnungen mit dem FC Barcelona in den letzten Jahren. Es zeigte auch, wie anfällig die Raumaufteilung der Albiceleste sein kann. Auffällig ist auch, dass einstudierte Spielzüge im argentinischen Spiel Mangelware sind und dies bereits zu Problemen im Achtelfinale gegen die Schweiz führte.

    Die Defensive steht sicher

    Gegen die Niederlande tat sich dann auch (endlich) ein anderer wichtiger Faktor im argentinischen Spiel hervor. Nigel de Jong wäre Messi noch bis auf die Toilette gefolgt, so sehr klebte der niederländische Sechser an den Hacken des Ausnahmespielers. Es war Javier Mascherano, die andere bedeutende Konstante im argentinischen Spiel, welcher den Aufbau von hinten heraus geordnet vorantrieb und nicht zuletzt einen großen Anteil daran hatte, dass das Team von Sabella ohne Gegentor bisher durch die K.O.-Spiele bis ins Finale vorstieß. So ist der defensive Mittelfeldmotor aus Sicht der Südamerikaner rechtzeitig zum Finale in Top-Form.

    Es sind zwar vor allem die bekannten Einzelakteure in Person von Messi und Mascherano, dazu noch mit einigen Abstrichen Ángel Di María und Gonzalo Higuaín, auf die die deutsche Mannschaft ein besonderes Auge haben sollte. Aber es sind auch die taktische Reife und defensive Konstanz bzw. Leistung, die Argentinien zurecht ins Finale spülten und dort zu einem unangenehmen Gegner für das Team von Jogi Löw werden lässt. Wirkliche Angriffsflächen wie gegen Frankreich oder Brasilien gibt es im Finale kaum.

    Waren es gegen Frankreich die Fixpunkte Valbuena (offensiv), Cabaye und Pogba (defensiv), die es zu unterbinden galt, waren es gegen Brasilien die Räume hinter den Außenverteidigern sowie die Anfälligkeit beim Pressing, weist die Albiceleste insgesamt weniger Schwachstellen auf. Zu den herausragenden Einzelleistungen von Messi oder Di María ist vor allem die Defensive das Prunkstück Argentiniens und so kommt es vor allem wieder auf eine Teamleistung an, in die sich die gesamte deutsche Mannschaft konsequent einfügen muss. Argentinien wird der Mannschaft von Joachim Löw kaum den Gefallen tun und ins offene Messer rennen. Dafür hat sich die deutsche Mannschaft beim 7:1 zuviel Respekt erarbeitet.

    Die negative Bilanz und die positive Bilanz

    Insgesamt ist die Statistik gegen das südamerikanische Team recht ausgeglichen, jedoch mit Vorteilen auf Seiten Argentiniens. 20 Spiele fochten beide Teams bisher aus, neun Siege gingen an Argentinien, sechs erarbeitete sich die deutsche Elf. Die übrigen fünf Begegnungen endeten Unentschieden. Allerdings spricht die WM-Bilanz klar für das deutsche Team. Bei insgesamt sechs Weltmeisterschaften stand man sich bereits gegenüber. Erstmals traf man beim Turnier in Schweden 1958 in der Finalrunde der Gruppe 1 in Malmö aufeinander, wo ’54-Held Helmut Rahn mit einem Doppelpack und Uwe Seeler die Treffer zum 3:1-Sieg erzielten. Es folgte noch ein torloses Unentschieden in England ’66 und eine Reihe von Freundschaftsspielen, ehe man sich im WM-Finale von 1986 im Aztekenstadion erneut begegnete. Damals wurde Argentinien nach einem 3:2 vor mehr als 100.000 Zuschauern Fußballweltmeister. Es ist die einzige Niederlage, die Deutschland gegen Argentinien bei einer Weltmeisterschaft jemals zu beklagen hatte.

    Schließlich gab es vier Jahre später die Revanche. Als Kind der frühen Achtziger gibt es kaum eine Erinnerung, die so sehr mit Fußball verbunden ist, wie der Elfmeter von Andreas Brehme. Die Anspannung vor dem Schuss, die Erlösung in dem Moment, als der Ball das Netz auf der linken Seite ausbeult, die pure Freude, als Brehme jubelnd abdreht. So wie wir auf der Couch. Damals in der 85. Minute.

    Rückenwind durch jüngste Begegnungen

    Und dann gab es da ja noch die beiden Viertelfinalpaarungen der letzten beiden Turniere. Das Elfmeterschießen von 2006 ist inzwischen legendär, die Packung in Kapstadt, als das Team von Löw die Albiceleste förmlich sezierte, ebenfalls. Somit stehen in der WM-Bilanz vier Siege für das deutsche Team einer Niederlage gegenüber bei einem torlosen Remis. Vor zwei Jahren gab es dann noch ein Freundschaftsspiel, die letzte Begegnung beider Mannschaften, als erneut Argentinien in Frankfurt gewann.

    Bei allen statistischen Möglichkeiten, bei allen mathematischen Berechnungen die man anstellen kann, in 28 Jahren dreimal ein WM-Finale gegen Argentinien austragen zu müssen, ist doch sehr gering. Ein Finale ist dabei auch immer eine besondere Ausgangssituation, so dass für dieses Spiel leider auch die Phrase herhalten muss, dass in den 90, respektive 120 Minuten, alles passieren kann. Allerdings hat die deutsche Nationalmannschaft durch das 7:1 gegen Brasilien noch klaren Rückenwind, die Albiceleste hingegen musste 120 Minuten gegen die Niederlande gehen und hat zudem noch einen Tag weniger Pause, was am Ende eine Rolle spielen kann. Das Team von Jogi Löw geht also mit einigen Vorteilen in das Finale von Rio de Janeiro.

     
  • Marc Fischer

    Marc Fischer 9:37 pm am July 6, 2014 Permalink | Antwort
    Tags: Brasilien, Halbfinale, Miroslav Klose, Neymar, WM 2014   

    Brasilien 

    Die deutsche Nationalmannschaft steht zum dreizehnten Mal in einem WM-Halbfinale. Gegner ist kein Geringerer als der Gastgeber. Jogis Jungs haben nun die monströse Aufgabe, Spielverderber für 200 Millionen Menschen zu sein. Wir sagen euch, weshalb in diesem Jahr alles anders ist, warum Italien ein Vorbild sein kann und wieso die dritte Halbfinalniederlage eigentlich schon fest steht.

    In diesem Jahr gilt das Mantra: nicht schön, aber erfolgreich. Während die Mannschaft von Joachim Löw bei den letzten Turnieren eher in Schönheit sterben wollte, als auch nur einmal unverdient in die nächste Runde einzuziehen, hat sich das Bild in Brasilien dieses Jahr ein wenig gewandelt. „Kontrolle“ ist das Zauberwort 2014. Im Gegensatz zu Südafrika vor vier Jahren springen zwar auf diese Art und Weise keine Vier-Tore-Siege am Fließband mehr heraus, dafür wirkt das Team aber taktisch reifer und abgeklärter.

    Einfache Rezepte gegen französisches Pressing

    Gegen Frankreich spielte die deutsche Elf sehr bedacht und absolut unaufgeregt. Die wichtigen zentralen Fixpunkte im französischen Spiel in Person von Paul Pogba und Yohan Cabaye wurden durch die Offensiv-Reihe größtenteils abgemeldet, sodass Frankreich gezwungen war, meist lange Bälle am Ende eines Angriffs zu spielen. Einfach, weil die Passwege größtenteils zugestellt waren. Vor allem Toni Kroos verstand es sehr gut, Paul Pogba aus der Partie zu nehmen und das Spiel vom französischen Mittelfeldtalent fernzuhalten. Auch Klose gelang es in vorderster Reihe immer wieder gut, Cabaye am Aufbau zu hindern oder ihn gleich gar nicht daran teilnehmen zu lassen.

    Auf der anderen Seite konnten sich die deutschen Spieler in der Abwehr immer wieder sehr gut aus dem französischen Pressing befreien. Wie wir schon im Vorbericht angedeutet hatten, schafften es Schweinsteiger und Kroos in der Zentrale mit klaren und genauen Aktionen, die Drucksituationen mit einfachen Mitteln immer wieder verpuffen zu lassen. Vor allem Schweinsteiger ließ sich in engen Räumen immer wieder anspielen, um den Ball sofort klatschen zu lassen und damit Raum für seine Mitspieler zu kreieren. Falls diese Räume zugestellt waren, setzte man einfach mit langen Flachpässen Libero Neuer ein.

    Stärke bei Standards auf beiden Seiten

    Letztlich passte es ins Bild, dass eine Standardsituation bei diesem „Taktikleckerbissen“ für ein Tor herhalten musste. Jedoch bezeichnet auch dies eine neue Stärke im deutschen Team. Jahrelang wurden Standardsituationen vernachlässigt und schlichtweg nicht eingeübt. Gegen Frankreich erzielte Mats Hummels bereits den fünften Treffer bei dieser WM nach einem ruhenden Ball für das deutsche Team.

    Gegen Brasilien wird es aber nicht nur darauf ankommen, eigene Situationen aus einem ruhenden Ball heraus zu verwerten, sondern vor allem auch, die Südamerikaner über diese nicht zum Erfolg kommen zu lassen oder gleich ganz zu unterbinden. Alle drei Treffer der Brasilianer aus der K.O.-Runde resultierten aus Standardsituationen. Gegen Chile und Kolumbien war es eine Ecke von Neymar, die jeweils zum frühen 1:0 führte, dazu noch ein 30-Meter-Freistoßhammer von David Luiz, der so ansehnlich wie wuchtig war.

    Der Ausfall von Neymar, Fluch oder Segen?

    Womit wir auch automatisch bei Neymar angekommen wären. Dass der brasilianische Superstar ausfällt, schmerzt jeden Fußballfan. Schließlich will man auf dem Weg zum Titel doch auch gegen die Besten gewinnen. Nun ist die „Ney“ – die Hoffnung des ganzen Landes – aber verletzt und wird bei dieser Weltmeisterschaft nicht mehr teilnehmen können. Die Reaktionen darauf reichen auch heute noch von Schock bis Wut und Trotz. Insofern wird Brasilien für das Team von Jogi Löw ein noch etwas unangenehmerer Gegner, als er ohnehin schon war. Denn der Ausfall von Neymar muss keineswegs heißen, dass sich das Team von Luiz Felipe Scolari aufgibt. Auch wenn es durch die Verletzung von Neymar qualitative Einbußen in der brasilianischen Mannschaft gibt, so etwas kann Kräfte freisetzen. Das Team spielt nun auch zusätzlich noch für seinen Superstar.

    Was jedoch unbestritten ist, ist die Tatsache, dass der Mann vom FC Barcelona der Dreh- und Angelpunkt in Brasiliens Mannschaft war. Vier Tore schoss er in den bisherigen fünf Spielen, einen Treffer bereitete er vor. Zudem war es seiner Qualität zu verdanken, dass viele Offensiv-Probleme kaschiert wurden. Erst durch seine Dynamik entstand oftmals die Verbindung zwischen Defensive und Offensive. War er nicht in die jeweiligen Angriffe eingebunden, agierte die Seleção im Umschaltspiel oftmals wild und zu unstrukturiert. Da sich aber Oscar von Spiel zu Spiel bisher steigerte und gegen Kolumbien vollends überzeugte, dürfte Scolari schon seinen passenden Ersatz gefunden haben.

     
  • Marc Fischer

    Marc Fischer 11:40 am am July 4, 2014 Permalink | Antwort
    Tags: Equipe Tricolore, FRAGER, Frankreich, Viertelfinale, WM 2014   

    Frankreich 

    Waren die bisherigen vier Gegner bei der Weltmeisterschaft eher vom Papier her hohe Hürden durch ihre Weltranglistenposition, trifft die Nationalmannschaft im Viertelfinale nun auf ein echtes Schwergewicht. Von einer langen, gemeinsamen Historie, Jahrhundertspielen und der Erkenntnis, dass es nicht einfacher wird.

    Nicht nur die Überschrift lässt sich für beide Mannschaften gleichermaßen anwenden. Mit einer Art Parallelleistung erreichten beide Teams in Brasilien das Viertelfinale. Ein Vorrundenspiel konnte man glänzen, es gab einen Arbeitssieg auf beiden Seiten und zu guter Letzt erspielten sich beide Nationen ein Remis. Wobei das 2:2 gegen Ghana deutlich mehr Arbeit für Löws Team darstellte, als es das torlose Unentschieden der Franzosen gegen Ecuador war. Im Achtelfinale taten sich dann beide Mannschaften schwer gegen ihre Kontrahenten. Den Spielern von Trainer Didier Deschamps gelang es jedoch, Nigeria bereits in der regulären Spielzeit zu bezwingen, während die deutsche Mannschaft gegen Algerien in die Verlängerung musste.

    Der Sturm im Wasserglas und das kleine Fahrrad

    Eine weitere Parallele ist, dass sowohl Frankreich als auch Deutschland kurz vor dem Start der WM auf einen existentiellen Spieler verzichten mussten. Während sich Marco Reus im letzten Test vor der WM gegen Armenien das Syndesmoseband anriss, klagte Franck Ribéry über anhaltende Rückenbeschwerden, die für ihn die Teilnahme in Brasilien ebenfalls unmöglich machten. Aufgrund der Verletzung des Franzosen wurde sogar kurzzeitig ein wenig schmutzige Wäsche gewaschen. Der französische Verband warf der bayrischen Fönwelle Dr. Müller-Wohlfahrt indirekt eine gewisse Teilschuld vor, indem man dem Arzt unterstellte, verletzte Spieler nicht zu behandeln, sondern lediglich fit zu spritzen. Natürlich wurde brav dementiert, alle Anschuldigungen nachhaltig zurückgewiesen und der Sturm im Wasserglas war beendet, bevor er begonnen hatte.

    Den Weg bis in die Runde der letzten Acht schaffte der Nachbar aber auch ohne seinen wertvollsten Spieler. Die Rolle des Regisseurs in der Équipe übernahm kurzerhand „le petit vélo“, das kleine Fahrrad. Den Spitznamen bekam Mathieu Valbuena nicht zuletzt auch wegen seiner geringen Körpergröße, ist aber wie vieles in der französischen Sprache doppeldeutig. Sagt man in der französischen Umgangssprache wörtlich übersetzt, man habe ein kleines Fahrrad, bedeutet das nicht anderes, als das man eine Meise hätte.

    Viele Scorerpunkte in den Reihen Frankreichs

    Im französischen Spiel ist der 29-jährige Spieler von Olympique Marseille inzwischen der neue Fixpunkt, nachdem Ribéry die Segel streichen musste. Vorwiegend über die rechte Seite kommend, ist er Antreiber und Ideengeber im Angriff, während ihm wahlweise Paul Pogba von Juventus oder Moussa Sissoko vom Premier League Club Newcastle United den Rücken frei halten. Drei Torvorbereitungen und ein eigener Treffer sind ein Indiz für seine tragende Rolle im System von Deschamps.

    Champions League Sieger Karim Benzema, immerhin mit drei WM-Treffern bisher Frankreichs Torjäger Nummer eins, weicht dagegen oftmals leicht nach links aus, um Räume zu öffnen oder auf der linken Seite ein Übergewicht mit Blaise Matuidi vom französischen Meister PSG herzustellen. Beim 5:2-Sieg gegen die Schweiz bekam der gemeine Zuschauer schon mal Anschauungsunterricht, wie Frankreich einen Linksverteidiger unter Druck setzen kann. Stephan Lichtsteiner wird an dieses Spiel sicherlich keine guten Erinnerungen haben und es ist schwer vorstellbar, dass Benedikt Höwedes besser aussehen wird.

    Lehren aus dem Algerien-Spiel

    Jedoch ist Benzema nicht allein auf diesen taktischen Kniff zu reduzieren. Seine bisherigen Leistungen bei dieser Weltmeisterschaft sind eindrucksvoll, was sechs Scorerpunkte auch beweisen. Drei Tore, drei Vorlagen, dazu intelligentes Spiel mit starken Antizipationen und einer Dominanz, die den einen oder anderen Verteidiger schon mal nervös werden lässt. Er hat ein gutes Auge für seine Mitspieler und weiß diese auch entsprechend einzusetzen. Im Duett mit Arsenal-Stürmer Olivier Giroud dürfte einiges an Arbeit auf Löws Verteidiger zukommen.

    Überhaupt spielt Deschamps‘ Team mit den flinken Offensivkräften und seinen Mittelfeldakteuren ein starkes Pressing. Wie anfällig und einfallslos fahrig Merte und Co. bei dieser Spielweise werden können, hat schon das Spiel gegen Algerien im Achtelfinale gezeigt. In der Zentrale wurden Lahm, Kroos und Schweinsteiger beim Spielaufbau konsequent und aggressiv angegangen und die Passwege zugestellt, so dass meist nur der Weg über die Außen, die eigentlich keine sind, blieb. Am Ende stand damit nach 45 Minuten die schlechteste Halbzeit vom deutschen Team bei diesem Turnier.

    Schon Nigeria zeigte, Frankreich ist nicht unverwundbar

    Dass jedoch auch Frankreich vor Probleme gestellt werden kann, bewies Nigeria über weite Strecken mit einem zwar unorthodoxen aber effektiven Spiel. Vor allem in der ersten Halbzeit wirkte die Équipe phasenweise recht planlos und wusste mit der Art, wie die Afrikaner verteidigten, gar nichts anzufangen. Darüber hinaus gab es keine Laufbereitschaft und Kreativität sowie massig Stellungsfehler im französischen Spiel und hätte sich das Team von Stephen Keshi nur ein bisschen besser angestellt, würde man nicht erneut wie alle vier Jahre von der „Unfähigkeit“ der afrikanischen Vereine lesen.

    Erst mit der Hereinnahme von Nachrücker Antoine Griezmann nach einer Stunde fand Frankreich zu seinem Spiel und konnte endlich Druck gegen die nigerianische Abwehr aufbauen. Fortan waren Benzema und die Mittelfeldspieler besser in der Partie und nutzten schließlich ihre Chancen. Jedoch sollten die ersten 60 Minuten dieses Spiels Mut machen, zeigten sie doch, dass man den Franzosen mit der richtigen taktischen Marschroute durchaus beikommen und sie vor Probleme stellen kann.

    Aachener Tore und „wertlose“ Spiele

    Weniger Mut hingegen macht jedoch die Statistik. Bereits 25 mal standen sich beide Nationen in einem Fußballspiel gegenüber. Jedoch lediglich vier davon waren auch wirklich von Wert, denn die restlichen 21 waren allesamt Freundschaftsspiele. Insgesamt gewann die deutsche Auswahl aber nur acht dieser 25 Spiele. Sechs Begegnungen endeten Unentschieden und elf wurden aus deutscher Sicht verloren.

    Das erste Spiel, welches die Nationen gegeneinander austrugen, datiert vom 15. März 1931, als man sich in Paris zu einem Freundschaftsspiel begegnete. Ein Eigentor vom Verteidiger Reinhold Münzenberg von Alemannia Aachen entschied damals die Partie zu Gunsten der Franzosen mit 1:0. Das letzte Aufeinandertreffen fand ebenfalls in Paris statt. Im Februar 2013 erzielten Müller und Khedira sowie Valbuena die Tore beim 2:1 für Deutschland.

    Der Thriller von Sevilla

    Auch die beiden letzten Spiele bei einer WM konnten aus deutscher Sicht gewonnen werden. Da wäre zum einen das legendäre Halbfinale, was als „Nacht von Sevilla“ oder, in Anlehnung an den Boxkampf von Muhammad Ali, auch „Thriller von Sevilla“ genannt wird. Es sollte das erste Spiel bei einer WM werden, welches durch Elfmeterschießen entschieden wurde.

    Nach 90 Minuten stand es 1:1 Unentschieden, ehe sich die Ereignisse im Estadio Ramón Sánchez Pizjuán überschlugen. Erst schossen Marius Tresor und Alain Giresse in der ersten Halbzeit der Verlängerung einen 3:1-Vorsprung für die Équipe Tricolore heraus, ehe Karl-Heinz Rummenigge und Klaus Fischer diesen in der zweiten Hälfte wieder egalisierten. Also ging es beim Stand von 3:3 ins Elfmeterschießen, in dem erst Uli Stielike für Deutschland, dann Didier Six für Frankreich verschossen. Den entscheidenden Fehlschuss setzte schließlich Maxime Bossis und Deutschland zog mit 8:7 ins Finale ein.

    Berühmt wurde diese Partie aber nicht nur wegen seiner Spannung und Brisanz, sondern vor allem auch wegen Toni Schumacher und seiner Aktion gegen den französischen Stürmer Patrick Battiston. Als Battiston einen langen Ball in den Lauf bekommt und allein auf das Tor von Schumacher zuläuft, stürmt dieser aus seinem Tor und ruppt den Angreifer mit voller Wucht um. Anstelle einer fälligen Karte für Schumacher und Freistoß für Frankreich entschied Schiedsrichter Corver aus den Niederlanden auf Abstoß. Battiston hingegen muss mit einer Gehirnerschütterung und einem angebrochenen Halswirbel bewusstlos vom Platz getragen werden. Im Anschluss an das Spiel geschah schließlich noch eine Reihe von unschönen Dingen auf beiden Seiten, die letztlich nur die Legendenbildung des Spiels nährten.

    Ein Viertelfinale, in dem alles möglich ist

    Vier Jahre später trafen sich beide Mannschaften erneut im Halbfinale der WM. Dieses Mal jedoch war die Angelegenheit klarer. Andreas Brehme und Rudi Völler verhinderten eine Verlängerung im mexikanischen Guadalajara, Deutschland siegte mit 2:0 und zog erneut ins Finale ein. Für Frankreich endete mit diesem Spiel die Ära von Michel Platini, Alain Giresse und Jean Tigana. Insofern hat die Équipe noch die eine oder andere Rechnung mit der deutschen Nationalmannschaft offen.

    So unorthodox wie Algerien wird Frankreich in diesem Viertelfinale kaum spielen, denn das mannorientierte Spiel gegen den Ball interpretierten die Nordafrikaner doch sehr individuell und daher so unangenehm für das deutsche Spiel. Die Ordnung und taktische Aurichtung der Defensivarbeit der Franzosen wird zweifellos eine Andere sein, dadurch aber vielleicht nicht zwingend einfacher. Frankreich versteht es sehr gut, im Pressing Druck auf den Gegner auszuüben und damit Fehler zu provozieren. Mit mehr Genauigkeit in den Aktionen und schnellem Spiel in der Zentrale sollte dies aber zu überwinden sein. Zudem könnte mit Tempo über die Außen gezeigt werden, dass Patrice Evra inzwischen etwas in die Jahre gekommen ist. Positiv wäre sicher auch, wenn Mesut Özil sein Phlegma heute in der Kabine lässt und das Spiel in den entscheidenden Situationen nicht unnötig verlangsamt, denn Varane und Koscielny gelten ebenfalls nicht als die Schnellsten ihrer Zunft.

    Ob die deutsche Mannschaft heute eine Runde weiterkommt hängt möglicherweise allein von der Tagesform beider Teams ab. Es ist ein Spiel auf Augenhöhe zu erwarten, das für den leidenschaftlichen Fußballfan vielleicht das bisher größte Fest dieser WM werden kann. Die Public Viewing-Teilnehmer und Vier-Wochen-Alle-Zwei-Jahre-Fans werden möglicherweise etwas enttäuscht sein, während sie die taktische Brisanz dieses Spiels verkennen. Die meisten Tore gibt es möglicherweise auch heute vomPunkt.

     
  • Marc Fischer

    Marc Fischer 11:21 am am June 30, 2014 Permalink | Antwort
    Tags: Achtelfinale, Algerien, Gijon, , WM 2014   

    Algerien 

    Der Achtelfinalgegner der deutschen Nationalmannschaft kommt aus Algerien. Die Auswahl vom bosnischen Trainer Vahid Halilhodžić setzte sich überraschend in Gruppe H als Zweiter durch und schickte Russland sowie Südkorea bereits nach der Vorrunde nach Hause. Was von den „Wüstenfüchsen“ zu erwarten ist, worauf Löws Truppe achten sollte und warum die Statistiker Algerien als Favoriten sehen.

    Bereits vor Beginn der Weltmeisterschaft hieß der Favorit in Gruppe H Belgien. Nicht zu Unrecht, wie drei Siege aus drei Spielen beweisen, auch wenn vieles im Spiel der roten Teufel Stückwerk blieb und hauptsächlich eine schwache Konkurrenz für die Maximalausbeute sorgte. Für das zweite Ticket in die Endrunde qualifizierte sich hinter Belgien jedoch etwas unerwartet Algerien, denen zuvor höchstens Außenseiterchancen hinter Russland und Südkorea eingeräumt wurden. Am Ende reichten ein Sieg gegen Südkorea (4:2) und ein Unentschieden gegen die „Sbornaja“ (1:1) für den zweiten Platz und damit für die erste Achtelfinalteilnahme bei einer WM für die Nordafrikaner.

    Aus algerischer Sicht verliefen die drei Spiele dabei völlig unterschiedlich. Gegen Belgien begann die Mannschaft tief stehend und agierte aus einer kompakten Defensive und guter Organisation. Nach dem Führungstreffer von Sofiane Feghouli nach 24 Minuten zog sich das Team dann noch weiter zurück und überließ den Belgiern das Spiel, wovon zwischenzeitliche 70 Prozent Ballbesitz zeugten. Das Team von Halilhodžić verstand es bis zu den Einwechslungen von Marc Wilmots sehr gut, im Verbund zu verschieben und die Räume eng zu halten. Erst als die Joker in Person von Marouane Fellaini nach einem Standard und Dries Mertens nach einem Konter spät in der zweiten Hälfte stachen, war Algerien geschlagen.

    Vielseitigkeit in der taktischen Ausrichtung und treffsichere Stürmer

    Für das zweite Spiel nahm Halilhodžić fünf Wechsel in der Startaufstellung vor und stellte von 4-3-3 auf 4-2-3-1 um. Im Gegensatz zum Auftaktspiel gegen Belgien brannte Algerien im zweiten Spiel zu Beginn ein wahres Offensivfeuerwerk ab und hätte nach zehn Minuten locker führen können, scheiterte aber am eigenen Unvermögen. Dass letztlich doch eine 3:0-Halbzeitführung heraussprang, lag zwar vor allem am desolaten Gegner aus Südkorea, lässt aber auch Rückschlüsse auf die Offensivqualitäten der „Wüstenfüchse“ zu. Zusätzlich bewies Algerien Nervenstärke, als man sich vom Anschlusstreffer zum 3:1 in der 50. Minute nicht sonderlich aus der Ruhe bringen ließ und wenige Minuten später mit dem vierten Treffer kühl nachlegte. Auch als Südkorea eine Viertelstunde vor Schluss erneut durch den Mainzer Spieler Ja-Cheol Koo auf 4:2 herankam, geriet man keineswegs in Panik, sondern stemmte sich dagegen und ließ bis auf zwei Chancen nichts mehr zu.

    Für das abschließende Gruppenspiel behielt der Trainer Algeriens die Ausrichtung seines Teams im 4-2-3-1 bei. Russland hingegen verstand es in dieser Partie, die Schwachstellen auf den Außenbahnen der Algerier offenzulegen und dort die Räume zu nutzen. Dem frühen Führungstreffer für das Team von Fabio Capello durch Aleksandr Kokorin ging eine Flanke von Dimitry Kombarov voraus. Nach dem Ausgleichstreffer, den ein erneuter Patzer von Akinfeev verschuldete, zog sich Algerien wieder weit zurück und verteidigte schließlich den Punkt, der zum Einzug ins Achtelfinale reichte.

    Neben einer gut organisierten, aber recht eindimensionalen weil mannorientierten Defensive, die in allen drei Vorrundenspielen angewandt wurde, ist vor allem die Offensive der Algerier zu beachten. Mit Slimani, Feghouli, Brahimi und Djabou haben alle Offensivkräfte, die zu Beginn gegen Russland auf dem Platz standen, in Brasilien schon getroffen. Stürmer Islam Slimani von Sporting Lissabon gelangen sogar schon zwei Treffer. Angekurbelt wird das Spiel vor allem über den wendigen und dribbelstarken Außenspieler vom FC Valencia Sofiane Feghouli und den Zehner Yacine Brahimi, der ebenfalls in der Primera División beim FC Granada angestellt ist. Für das Spiel gegen Deutschland kann Vahid Halilhodžić auf alle seine Spieler setzen und wird aller Voraussicht derselben Elf das Vertrauen entgegenbringen, die gegen Russland Geschichte geschrieben hat.

    Laut Statistik ist Algerien klarer Favorit im Achtelfinale

    Jede Statistik, die dieser Tage für dieses Spiel bemüht wird, kommt nicht um das Jahr 1982 und Gijón herum. Seit mittlerweile 32 Jahren schon sitzt der Stachel tief im algerischen Stolz. Bei der damaligen Weltmeisterschaft in Spanien besiegte Algerien die deutsche Nationalmannschaft in der Vorrunde in ihrer Auftaktbegegnung mit 2:1. Weil sich aber Österreich und Deutschland im abschließenden Gruppenspiel nach dem Führungstreffer von Horst Hrubesch auf einen Nichtangriffspakt einigten, schied Algerien trotz zweier Siege nach der Vorrunde aus. Dies geschah deshalb, weil Algerien bereits tags zuvor seine Partie absolviert hatte und die Tordifferenz allen Beteiligten von da an klar war. So war die „Schande von Gijón“ geboren und schließlich auch der Grund dafür, dass die letzten Gruppenspiele bei großen Turnieren fortan immer zeitgleich ausgetragen werden.

    Soviel, wie über diese Begegnung in den letzten Tagen schwadroniert wurde, müsste man eigentlich davon ausgehen, dass hier zwei große Rivalen, denen eine lange und gemeinsame Historie zu Grunde liegt, aufeinandertreffen. Jedoch hat selbst die ehemalige Deutsche Demokratische Republik (DDR) mehr Spiele gegen Algerien bestritten als die deutsche Nationalmannschaft. Nach dem Turnier in Spanien gab es kein Aufeinandertreffen mehr zwischen Algerien und Deutschland und auch vor der WM ’82 kam es nur zu einer einzigen Paarung. 1964 traf man sich zu einem Freundschaftsspiel im Omar-Hammadi-Stadion in Algier, welches mit 2:0 an Algerien ging. Somit sprechen die nackten Zahlen mit zwei Siegen aus zwei Spielen klar für „Les Fennecs“.

     
c
compose new post
j
next post/next comment
k
previous post/previous comment
r
reply
e
edit
o
show/hide comments
t
go to top
l
go to login
h
show/hide help
shift + esc
cancel