Ungeduld

Die zweite Liga hat noch keine fünf Spieltage absolviert, da gibt es bereits die ersten beiden Trainerentlassungen. Die Entscheidungen dokumentieren eindrucksvoll, wie wenig Zeit den heutigen Übungsleitern gegeben wird und wie kurzweilig Erfolg sein kann.

Am Dienstag gab der FC Erzgebirge Aue bekannt, seinen bisherigen Trainer Falko Götz beurlaubt zu haben. Vier Niederlagen in Folge und ein Torverhältnis von 1:10 reichte den Verantwortlichen, um bereits am Anfang der Spielzeit die Reißleine zu ziehen. Ein ähnliches Bild gab es einen Tag später in Hamburg, wo Roland Vrabec, letzte Saison noch als Nachfolger von Michael Frontzeck installiert, vom FC St. Pauli vor die Tür gesetzt wurde. Soweit nichts Neues im Geschäft des deutschen Profifußballs.

Anspruch und Wirklichkeit

Jedoch geben der Zeitpunkt und die Begründungen der Entlassungen zu denken. Dass sich die Clubs bereits nach dem vierten Spieltag zu derlei Maßnahmen gezwungen sehen, lässt zudem auf eine massive Ungeduld schließen und keinerlei Vertrauen in die Trainer erkennen. Dabei hatten die betroffenen Vereine genug Zeit, ihre Angestellten besser zu kennen. Immerhin war Vrabec inklusive seiner Tätigkeit als Co-Trainer von Michael Frontzeck seit Mai 2013 bei den Norddeutschen. Falko Götz begann seine Arbeit in Aue bereits im April 2013, als er den abstiegsbedrohten Club von Karsten Baumann am 31. Spieltag übernahm und die Lila-weißen zum Klassenerhalt führte.

Schaut man sich die letzten Spielzeiten beider Vereine an, ist eigentlich noch gar nicht viel passiert. Zwar sind null Punkte und nur ein geschossenes Tor aus Sicht von Aue ein denkbar ungünstiger Start in die neue Spielzeit, jedoch ging es auch in den letzten drei Spielzeiten konsequent gegen den Abstieg. Im letzten Jahr schaffte Götz den Klassenerhalt bereits am 32. Spieltag, was sogar eine Verbesserung gegenüber der Vorsaison darstellte. Wer also nun damit gerechnet hat, dass die Sachsen durchstarten und um den Aufstieg mitspielen würden, konnte keinesfalls als Realist eingestuft werden.

Ganz schlechter Zeitpunkt

Auch auf St. Pauli ist die Situation keinesfalls so dramatisch, wie sie gerade wahrgenommen wird. Vier Punkte aus vier Spielen mögen das eigene Anspruchsdenken vielleicht nicht so befriedigen, wie man sich das in der Hansestadt gerade vorstellt. Allerdings sind zwei Auswärtsniederlagen nichts Ungewöhnliches. Erst recht nicht, wenn man bei einem Aufstiegsaspiranten verliert, der sich gerade in einer sehr guten Frühform befindet. Darüber hinaus zog man recht überzeugend in die zweite Runde des DFB-Pokals ein, wo lediglich die schlechte Chancenausbeute ein höheres Ergebnis verhinderte. Zum Vergleich: Fortuna Düsseldorf hatte letzte Saison zum selben Zeitpunkt ebenfalls vier Punkte auf dem Konto und beendete die Saison als Sechster. Aufsteiger Paderborn hatte gar nur zwei Zähler.

Warum also haben die Verantwortlichen nicht bereits zur Sommerpause eine Trennung angestrebt? Viel Kredit konnten die beiden Trainer in ihren Vereinen schließlich nicht haben, wenn nach vier Spieltagen bereits alles in Frage gestellt wird und als einzige letzte Lösung nur die Beurlaubung in Frage kam. Hätte man sich bereits in der Sommerpause neu aufstellt, hätte die gesamte Vorbereitung mit einem neuen Übungsleiter nach dessen Vorstellungen durchgezogen werden können. Ebenfalls hätte auch das gewünschte Spielermaterial des neuen Trainers während der Transferphase in die Vereine geholt werden können. Den Übungsleiter aber pünktlich wenige Tage nach Ende der Transferperiode zu entlassen – einen schlechteren Zeitpunkt kann man wohl während der Saison kaum wählen.

Kredit in Windeseile aufgebraucht

Die Begründungen nach den Freistellungen klingen dabei so abgenutzt wie immer. Es ginge nicht um persönliche Befindlichkeiten. Der Trainer habe die Bindung zur Mannschaft verloren. Es hätte nicht überrascht, wenn man irgendwo noch die Phrase „Es liegt nicht an dir, es liegt an mir“ gelesen hätte. Nun müssen die Nachfolger von Vrabec und Götz – wenn nicht für den Rest der Saison, so aber mindestens für die restliche Hinrunde – mit den Vorraussetzungen klarkommen. Zusätzlich haben die Neuen keinerlei Chancen, die Kader aufzubessern. Vorausgesetzt es ist überhaupt noch Kleingeld in der Schatulle, um dahingehend etwas zu bewirken.

Rachid Azzouzi, Sportdirektor vom FC St. Pauli, sagte noch im August, dass die 28 Auswärtspunkte der Vorsaison für eine gute Mannschaft sprechen würden. Bis auf Fin Bartels hat kein Leistungsträger die Norddeutschen verlassen, der Kader wurde punktuell aufgebessert. All das brachte Roland Vrabec am Ende nichts ein. Falko Götz wurde in Aue zweimal als Retter gefeiert. Der ehemalige Präsident der Sachsen, Lothar Lässig, der ebenfalls vor drei Tagen zurückgetreten ist, nannte dies für Auer Verhältnisse eine „herausragende Leistung“. Letztlich seien die Neuverpflichtungen aber nicht wie gewünscht eingeschlagen. Pech für Götz, der damit seinen Job trotz „herausragender Leistungen“ los ist.

Was bleibt, ist letztlich ein großes Unverständnis über so wenig Geduld und Vertrauen. Andererseits ist das Trainerkarussell so früh angeschmissen wie selten. Insofern ist die Wahrscheinlichkeit nicht gering, dass die beiden arbeitssuchenden Fußballlehrer bald woanders unter Beweis stellen können, dass ihre frühe Kündigung ein Fehler war.