USA

Das deutsche Team bekommt es bei der Weltmeisterschaft in Brasilien in der Vorrunde durchweg mit alten Bekannten zu tun. Ein Selbstläufer wird die Gruppe G deshalb aber noch lange nicht. Was Portugal, Ghana und die USA so zu bieten haben, wer alles mit nach Brasilien darf und wie die Statistiken gegen diese Auswahlteams aussehen, haben wir für euch genauer unter die Lupe genommen.

Wie sich das anhören mag, wenn Jürgen Klinsmann eine Rede von wegen „durch die Wand hauen“ und „Brust raus“ auf Englisch hält, ist leider nicht verbrieft. Seit dem Sommermärchen von 2006 weiß aber jeder deutsche Fußballfan, dass Klinsi ein unglaublicher Motivator ist und es versteht, seine Spieler zu erreichen. Für die Aufgabe in Brasilien stehen ihm einige Legionäre zur Verfügung, die die deutsche und europäische Spielweise kennen.

Klinsmann richtet den US-Fußball neu aus

Inwiefern Klinsi es schafft, die Spieler, welche er nur alle paar Wochen um sich hat, auch heute jeden Tag ein bisschen besser zu machen, ist nicht geklärt. Allerdings reist er mit einem gewonnen Titel im Gepäck an den Zuckerhut. Im Juli 2013 gewann er mit der amerikanischen Auswahl den CONCACAF Gold Cup, das Pendant zur Europameisterschaft, auf dem nordamerikanischen Kontinent. Im Finale besiegten die Vereinigten Staaten Panama mit 1:0 und Klinsmann holte seinen ersten Pokal als Trainer.

Zwei Jahre zuvor beerbte er im Juli Bob Bradley, den Vater von Michael Bradley (AS Rom, Borussia Mönchengladbach), als Trainer. Bereits kurze Zeit nach seinem Amtsantritt ließ er verlauten, dass er die Spielweise der Vereinigten Staaten an den europäischen Topteams orientieren wolle. Hierfür hielt er gezielt Ausschau nach Spielern, die zwar die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzen, im Ausland jedoch aufgewachsen sind und dort Fußball spielen gelernt haben. Die Presse taufte diese Spieler seinerzeit „Militärkinder“, da die Eltern dieser Kicker aufgrund militärischer Stationierungen nicht in den USA weilten und deren Kinder somit eben in anderen Ländern aufgewachsen sind.

Bekannte Gesichter im Trainerteam und ein aufwendiger Qualifikationsmodus

In seinen 50 Spielen, die Klinsmann mittlerweile für die USA an der Seitenlinie stand, holte er 31 Siege, 8 Remis und 11 Niederlagen. Schon vor Jahresfrist verlängerte er seinen Vertrag beim amerikanischen Verband bis 2018 und bekam gleichzeitig eine neue Rolle, künftig fungiert er als Technischer Direktor. Seinem Trainer-Team gehört nach wie vor der Fitnesstrainer Mark Verstegen an, der auch die deutsche Nationalmannschaft 2006 auf Vordermann brachte. Ein anderer Kandidat im Team von Klinsmann hat sich soeben aus unserer „Was macht eigentlich…“-Liste verabschiedet. Der Österreicher Andreas Herzog, ehemals Werder Bremen und Feingeist im Spiel von Otto Rehhagel, ist neben Martin Vasquez Co-Trainer im US-Team. Torwarttrainer Chris Woods war englischer Nationalkeeper und vertrat die Three Lions als Nummer 1 bei der Europameisterschaft 1992 in Schweden und war vor einigen Jahren zwischenzeitlich Torwarttrainer beim FC Everton.

Der Qualifikationsmodus des Verbandes CONCACAF gestattete es dem Weltranglisten-13., erst in der dritten von vier Qualifikations-Runden einsteigen zu müssen. Da die USA zu einer der topgesetzten Mannschaften in dem aus 35 Teams bestehenden Feld in Nord- und Mittelamerika gehören, beginnt die Qualifikation für die USA generell erst in Runde drei, während sich vorher Fußballgrößen wie Aruba, die Bahamas oder auch Barbados und die Cayman Islands darum prügeln dürfen, wer sich denn von Mexico, den USA und Costa Rica gerne auch mal zweistellig abschießen lassen darf.

Ungefährdet nach Brasilien

Ganz ohne Punktverlust und Dramatik verlief es dann aber nicht für die Vereinigten Staaten in Gruppe A der dritten Runde. Vor allem Jamaika machte den US-Boys das Leben schwer und besiegte den scheinbar übermächtigen Gegner daheim in Kingston mit 2:1. Das Rückspiel in Columbus (Ohio) gewann Klinsis Team aber durch einen Treffer von Herculez Gomez mit 1:0 und war somit praktisch für die vierte und letzte Runde qualifiziert, hießen die beiden anderen Gegner in der Gruppe doch Guatemala sowie Antigua und Barbuda. Zwar gelang auch Guatemala daheim ein Unentschieden gegen die USA, das Team schied jedoch gegenüber dem punktgleichen Jamaika aufgrund der schlechteren Tordifferenz aus.

In der vierten Runde war es das erwartet schwere Programm mit Mexiko, Costa Rica, Honduras, dem letztjährigen Gold-Cup-Finalisten Panama und Vorrundenbezwinger Jamaika. Letztlich war die endgültige Qualifikation zur WM-Endrunde aber nie wirklich gefährdet, wovon ein souveräner erster Platz in der Gruppe und nur zwei Niederlagen in 10 Spielen zeugen.

Der drittbeste Torwart der Premier League und ein Rekordabwehrspieler

Der Kader, welchen Jürgen Klinsmann zur Weltmeisterschaft berief, dürfte vielen Fußballfans hierzulande relativ geläufig sein, sind doch viele bekannte Namen im Team der USA. Tim Howard ist so einer. Der Schlussmann vom FC Everton ist die unangefochtene Nummer 1 zwischen den Pfosten. In der Premier League belegte er am Ende der Saison mit seinem Team den 5. Platz und hatte die drittwenigsten Gegentreffer zu verzeichnen. Nur Joe Hart von Manchester City und Petr Cech von FC Chelsea kassierten weniger Tore. Als Ersatz berief Klinsmann Brad Guzan vom Ligakonkurrenten Aston Villa und Nick Rimando vom amerikanischen Club Real Salt Lake aus Salt Lake City.

Abwehrspieler und Altstar DaMarcus Beasley erlebt in Brasilien inzwischen seine vierte WM und ist ebenfalls ein europäisch erfahrener Akteur. Nach jahrelangen Engagements beim PSV Eindhoven, Manchester City und den Glasgow Rangers stand er von 2010 bis 2011 bei Hannover 96 unter Vertrag, absolvierte für die Niedersachsen aber lediglich vier Spiele und zog weiter zum mexikanischen Club Puebla FC, für den er auch heute noch tätig ist. Nachdem Landon Donovan von Klinsi öffentlich abgesägt wurde („Was soll ich sagen? Dass er gut war? Er war nicht so gut, auf keinen Fall.“), ist Beasley mit 116 Einsätzen in der Nationalmannschaft der erfahrenste Akteur des US-Teams.

Europäische Legionäre und viel Bundesliga-Erfahrung

Weniger internationale Erfahrung, dafür bekannt mit deutschen Tugenden sind die drei Verteidiger, die Klinsmann aus der Bundesliga nominiert hat. John Anthony Brooks von Hertha BSC, Fabian Johnson von der TSG Hoffenheim und Timothy Chandler vom 1. FC Nürnberg dürfen zum ersten Mal WM-Luft schnuppern. Mit Geoff Cameron von Stoke City gibt es einen weiteren Defensivspezialisten, der in Europa aktiv ist. Matt Bessler, Omar Gonzàlez und DeAndre Yedlin hingegen verdienen ihr Geld in den Staaten.

Im Mittelfeld spielen mit Jermaine Jones und Michael Bradley zwei weitere alte Bekannte aus der Bundesliga. Bradley, der bei den Fohlen aus Mönchengladbach während seiner drei Jahre nie so recht glücklich wurde, avancierte für die Roma in der Serie A in den letzten zwei Jahren zu einem wichtigen Stützpfeiler, verließ den Hauptstadtclub aber nach der letzten Saison und heuerte beim kanadischen MLS-Club Toronto FC an. Jermaine Jones, der Bad Boy vor dem Bad Boy beim FC Schalke, spielt inzwischen bei Beşiktaş Istanbul in der Türkei und hat, ebenso wie Kevin-Prince Boateng, eine ganz eigene Beziehung zur deutschen Nationalmannschaft und zu Joachim Löw.

Mit viel Erfahrung und Klasse im Angriff

Ganz besonders interessieren dürfte die deutschen Fans auch der Auftritt von Julian Green, auf den Klinsmann große Stücke hält. Das Juwel vom FC Bayern spielte bisher nur für die Amateurmannschaft des deutschen Rekordmeisters, allerdings eilt ihm der Ruf seines Talents voraus. Alejandro Bedoya vom FC Nantes und Mikkel Diskerud von Rosenborg Trondheim sind zwei weitere Legionäre, die ihr Geld in Europa verdienen. Graham Zusi, Brad Davis und Kyle Beckerman spielen derweil in den Staaten, haben aber schon eine stattliche Anzahl von Spielen im Nationaltrikot der USA absolviert.

Im Sturm dürfte Klinsi vor allem auf die Dienste von Jozy Altidore vom AFC Sunderland und Clint Dempsey von den Seattle Sounders vertrauen. Für Altidore ist es nach Südafrika die zweite Teilnahme bei einer Weltmeisterschaft, für Dempsey nach 2006 und 2010 gar die dritte. Altidore erlebte seine beste Zeit während der beiden Jahre beim niederländischen Ehrendivisionär AZ Alkmaar, wo er von 2011 bis 2013 in zwei Spielzeiten 39 Tore in 67 Partien erzielte. Zuvor wurde Altidore jedoch wie ein Wanderpokal durch die eurpäischen Ligen gereicht und kann Erfahrungen in der Primera División, der englischen Premier League, der türkischen Süper Lig und der niederländischen Eredivisie vorweisen. Seit 2013 ist er in England beim AFC Sunderland angestellt. Dort gelang ihm aber in 31 Spielen lediglich ein Treffer. Für die USA erzielte er in 70 Spielen 23 Tore.

Zwei Tormaschinen als Ersatz

Im Gegensatz zu Altidore kann Clint Dempsey auf eine lange wie erfolgreiche Karriere in der Premier League zurückblicken. 2007 kam er zum FC Fulham und erzielte für den Club aus dem Südwesten Londons in 184 Spielen 50 Tore. 2012 wechselte er für eine Spielzeit nach Tottenham, ehe er zurück in die Staaten ging. Von Seattle ließ er sich während der Pause der MLS für zwei Monate nochmals zum FC Fulham verleihen, in denen ihm in fünf Spielen ein weiterer Treffer in der Premier League jedoch verwehrt blieb. Mit seinen 37 Toren in 105 Spielen im Trikot der Nationalmannschaft der USA ist Dempsey der derzeit erfolgreichste Torschütze der US-Boys.

Als weitere Stürmer nominierte Klinsmann Aron Jóhannsson vom AZ Alkmaar und Chris Wondolowski von den San José Earthquakes. Während Jóhannsson neben dem amerikanischen auch einen isländischen Pass besitzt und drittbester Torschütze der vergangenen Saison in den Niederlanden mit 17 Treffern war, ist Chris Wondolowski so etwas wie der Superstar der San José Earthquakes. Seit 2009 spielt Wondolowski schon in Kalifornien und erzielte dort für die Earthquakes in 147 Spielen 81 Tore.

Die schwarze Ära „Ribbeck“ und wichtige WM-Siege

In der Historie gegen die USA gab es bisher nur Hopp oder Top. Insgesamt neunmal standen sich die DFB-Auswahl und die US-amerikanische Mannschaft gegenüber. Sechsmal behielt das deutsche Team dabei die Oberhand, drei Spiele gingen verloren. Zwei der drei Spiele unterlag man sogar im selben Jahr. Erst verlor das Team von Erich Ribbeck ein Freundschaftsspiel im Februar 1999 mit 3:0, im Sommer selben Jahres gab es im Confed-Cup eine 2:0 Niederlage.

In einer Weltmeisterschaft standen sich beide Mannschaften bereits zweimal gegenüber. Bei der WM in Frankreich 1998 traf man in der Gruppe F auf die USA, welche durch die Tore von Andreas Möller und Jürgen Klinsmann mit 2:0 bezwungen wurden. Vier Jahre später bei der Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea traf man erneut auf die USA, dieses Mal jedoch im Viertelfinale. Das Tor von Michael Ballack besiegelte damals den Einzug ins Halbfinale und das Aus der Vereinigten Staaten.

Slapstick, besondere Umstände und Drucksituationen

Das letzte Freundschaftsspiel im Sommer vor einem Jahr dürfte vielen Fußball- und vor allem Gladbachfans noch in guter Erinnerung sein. 4:3 gewannen die Nordamerikaner vor eigenem Publikum in Washington DC, wobei der damalige deutsche Torhüter Marc-André ter Stegen mit einem Slapstick-Eigentor für Furore sorgte. Jedoch war das Spiel ein einziges großes Experiment, in dem Joachim Löw vor allem Spieler testete, denen er eine Perspektive im Team der Nationalelf bieten wollte.

Nimmt man generell die Qualität der einzelnen Spieler zum Maßstab, so ist ein qualitativer Unterschied durchaus zu entdecken. Um es hart zu formulieren: Ein Timothy Chandler steigt mit Nürnberg nicht umsonst ab, und ein Götze wird nicht so ohne weiteres mit dem FC Bayern deutscher Meister. Und ein Fabian Johnson spielt nicht umsonst in einer der löchrigsten Abwehrketten in der Bundesliga, während Mats Hummels gegen Real Madrid spielte.

Allerdings weiß man um Jürgen Klinsmann und seine Begabung für die richtigen Worte. Zudem haben ein Dempsey, Altidore und Bradley ebenfalls ihre Qualitäten bewiesen. Rein vom Papier her ist die deutsche Mannschaft klar favorisiert. Allerdings spielen die klimatischen Bedingungen, Umstände wie kurzfristige Verletzungen und Tagesform bei diesem Duell eine große Rolle. Da es zusätzlich das dritte von drei Vorrundenspielen ist, könnte bei entsprechenden Ergebnissen eine besondere Dramatik entstehen, wo sich auch zeigen muss, wer dem Druck standhalten kann. Ebenso könnte aber auch zu diesem Zeitpunkt schon alles entschieden sein, so dass sich das Spiel der beiden ehemaligen Weggefährten Löw und Klinsmann zu einem Freundschaftskick unter WM-Bedingungen entwickeln kann.

Anmerkung:
Sämtliche Daten und Statistiken in diesem Artikel beinhalten nicht die bereits absolvierten Spiele bei der Weltmeisterschaft in Brasilien.