Wandlung

Wer ist schuld? Ist es die Presse? Sind es die Hooligans? Sind es die neuen/alten Rechtsradikalen in den Fankurven? Sind es gar die Ultras am Ende selbst? In der öffentlichen Wahrnehmung findet zurzeit auf jeden Fall eine Metamorphose statt.

Die Ultrakultur war über die letzten Jahre geprägt von unpolitischem Vorsingen, damit beschäftigt mal schöne und mal weniger schöne Choreographien in den Kurven auf die Beine zu stellen und sich bei brisanten Themen wie etwa „Rassismus in der Kurve“ damit zu begnügen, man sei unpolitisch und Fußball habe mit Politik nichts zu tun.

Bereits zu Anfang des Jahres gab es erste Entwicklungen von Rassisten gegen Ultras

Seit geraumer Zeit scheint sich dies nun zu ändern. Die Ultras werden in deutschen Stadien immer mehr zur Zielscheibe. Vorrangig von Alt-Hools, die ihre Felle in ihren Geltungsbereichen immer weiter wegschwimmen sehen. Und neuerdings auch von Rechtsradikalen, die sich mit den Hooligans aus vergangener Zeit solidarisieren. Wohl weil sie den Einfluss sehen, den die Ultras auf die neu heranwachsenden jungen Fans in den Kurven haben.

Die Unverbesserlichen und Ewiggestrigen, die Fußball nach wie vor archaisch betrachten und einen schwulen Fußballer nicht als vollwertigen Kicker ansehen können, machen sich wieder verstärkt bemerkbar. Vompunkt wies schon Anfang des Jahres daraufhin, wie beispielsweise die Aachener Ultras von der rechtsoffenen Karlsbande aus dem Stadion vertrieben wurden. In den letzten Wochen hat sich gleiches oder ähnliches in Braunschweig bzw. Duisburg zugetragen.

Die Braunschweiger Ultragruppe UB01 wurde im Mönchengladbacher Nordpark geradezu aus dem Gästeblock geprügelt von einer Gruppe Rechtsradikaler und Alt-Hools. In Saarbrücken wurden nach der Drittligapartie Mitglieder der Duisburger Ultragruppierung „Kohorte“ von Hooligans verprügelt, weil sie während des Spiels mit einem selbstgemachten Banner auf die Verhältnisse in Braunschweig aufmerksam gemacht haben.

Wo bleibt der Aufschrei in den Medien?

Plötzlich werden die sonst so unpolitischen Ultras zur Zielscheibe von mittlerweile nicht mehr unerheblich wenigen unverbesserlichen Schlägern. Jetzt sind die Ultras gar nicht mehr so unpolitisch und stehen doch gegen Homophobie und Fremdenhass ein. Die Entwicklung der Ultras ist absolut zu begrüßen. Zeigt sie doch, dass weit mehr Verstand als das bloße Runterbeten unpolitischer Statements in den Köpfen steckt und ein starkes Bewusstsein für derzeitige Probleme in den Kurven da ist.

Die Signalwirkung, die nun aber vor allem in Braunschweig vor wenigen Tagen ausging, indem man der doch nicht so unpolitischen Ultragruppe UB01 kurzerhand sagte, sie sei im Stadion unerwünscht, wird wohl auch dazu geführt haben, das Duisburger Ultras nur wenige Tage später einen Spießrutenlauf durch Saarbrücken zu absolvieren hatten.

Traurigerweise schaffen es die größten Medien des Fußballs, die Sportschau in der ARD sowie die Sportreportage im ZDF oder auch Sport1 mit all seinen Bundesligatalks es nicht, das Thema auf die Agenda zu bringen. Einerseits, um die Vereine vielleicht auch so durch die breite Öffentlichkeit ein wenig mehr unter Zugzwang zu bringen. Andererseits, um mehr vernünftige Fans und Zuschauer zu sensibilisieren und den Nazis und Schlägern in den Kurven noch mehr die Grundlage zu entziehen.

Die Vereine können mit der Situation überhaupt nicht umgehen

Ultras sollen und dürfen in der heutigen Zeit bei der Tragweite, die sie in Deutschland inzwischen haben, nicht unpolitisch sein. Das sind sie in Italien auch nicht und nie gewesen, siehe AS Livorno Calcio. Ebenso wenig wie in Ägypten, wo die Ultras des Vereins Al-Ahly Kairo an der Revolution in Ägypten 2011 beteiligt waren. Oder auch die Ultras aller Istanbuler Vereine, die bei den Unruhen am Tahrir-Platz Stellung bezogen und sich mit den Protestlern solidarisierten.

Wenn sie allerdings von den Vereinen so dermaßen im Stich gelassen werden und wie im Falle von Braunschweig sogar als unerwünscht im Stadion betrachtet werden, muss man sich ernsthaft fragen, ob die Vorstände und Verantwortlichen der Vereine noch alle Latten am Zaun haben.

So bleibt nämlich lediglich eine große Diskrepanz zurück. Der DFB wirbt mit Slogans und Einspielern vor Länderspielen gegen Ausländerfeindlichkeit, gegen Homophobie etc. Wird dies allerdings von den gemeinen Fußballfans, die sich in ihren Vereinen und Fankurven engagieren, aufgenommen, werden diese kläglich sträflich von den Vereinen im Stich gelassen und sogar noch freundlich zum Ausgang gebeten. Willkommen in der Steinzeit.  Arbeitsauftrag nicht verstanden!